Zehn Tage, vier große Hochtouren, eine Watzmann-Überschreitung obendrauf und am Ende sogar noch eine Mehrseillänge zum Ausklang: Als ich mich Ende Juli mit Marco auf den Weg Richtung Österreich machte, wusste ich, dass das Programm sportlich wird. Was ich nicht wusste: dass es eine der schönsten und lehrreichsten Wochen werden würde, die ich bisher in den Bergen verbracht habe.
Ich komme eigentlich vom Klettern, auch Mehrseillängen sind mir vertraut – Hochtouren dagegen waren für mich noch weitgehend Neuland. Marco dagegen ist seit über 20 Jahren im Bergsteigen zuhause. Er hatte die Routen im Kopf, die Erfahrung im Blut und ein Gespür dafür, wann man umdreht.
Amberger Hütte und die Wilde Leck, die nicht sein wollte
Los ging es am Freitag von der Oberpfalz Richtung Gries bei Längenfeld, mit E-Bike und Bio-Bike zur Amberger Hütte, wo uns ein heraufziehendes Gewitter noch ordentlich Tempo beim Zustieg abverlangte. Am nächsten Morgen sind wir um 4:30 Uhr Richtung Wilde Leck gestartet und wurden nach einer knappen halben Stunde vom (unangekündigten) Regen eingeholt. Erst Unterschlupf unter einem Felsvorsprung, dann doch weiter, bis nach eineinhalb durchnässten Stunden klar war: So geht das nicht. Umkehr, zurück zur Hütte, Frühstück und plötzlich strahlender Sonnenschein. Zweiter Versuch (bzw. für mich in diesem Jahr bereits der dritte Versuch), bis zum Einstieg des Ostgrats. Ein Anruf bei einem befreundeten Hüttenwirt brachte dann Gewissheit: ein 3-Stunden-Wetterfenster bis zum vorhergesagten Gewitter; knapp kalkuliert selbst für Marco allein, für mich erst recht zu knapp – und der Rückweg zur Hütte war da noch nicht mitgerechnet. Die Vernunft gewann, wir sind umgedreht. Am Ende standen trotzdem 20 Kilometer, 1.200 Höhenmeter und 8 Stunden auf der Uhr, nur eben ohne Gipfel. Für mich der erste Beweis der Woche, dass Hochtouren-Erfahrung manchmal genau darin besteht, rechtzeitig umzudrehen.
Ortler Hintergrat: der schönste Gipfelmoment
Am Sonntag ging es weiter nach Sulden, noch am selben Tag hinauf zur Hintergrathütte. Dort haben wir zwei Salzburger kennengelernt, die dieselbe Tour vorhatten und ungläubig fragten, ob Watzmann-Ostwand und Stüdlgrat auch dieses Jahr noch geplant seien – „Nein, diese Woche noch“, haben wir schmunzelnd erwidert und inständig gehofft, dass der Wettergott mitspielen würde.
Weil sich ein paar weitere Seilschaften angekündigt hatten, wollten wir früh dran sein – ohnehin wurden wir von italienischen Zimmernachbarn um 2:50 Uhr geweckt und waren um 3:15 Uhr als Erste aus der Tür. Ein steiles, langes Schuttfeld im Dunkeln, erste Kraxelei, dann das erste Eisfeld. Das zweite war durch den Gletscherrückgang inzwischen kein durchgehendes Feld mehr, sondern in drei Abschnitte mit Felsdurchstiegen zerteilt – dafür mit gut 40 Grad Steilheit spürbar anspruchsvoller. Um Punkt 8 Uhr, nach 4:40 h, standen wir oben auf dem Gipfel, windstill und sonnig. Ein Morgen, den ich so schnell nicht vergessen werde.
Der Abstieg über das Gletscherplateau – mit Spalten, in denen ganze Reisebusse verschwinden könnten – eine mit Eisenstiften und Fixseil gesicherte Steilstufe, die Abseilstelle am berühmten Bärenloch und ein weiterer steiler Gletscher, wo wir über Spalten springen mussten, forderten noch einmal volle Konzentration. Und so waren wir nach der 12-stündigen Tour dankbar für ein Hotelbett im Tal.
Watzmann Ostwand: Wenn das GPS klüger sein will als der Bergführer
Über den Königssee ging es am nächsten Tag zum Ostwandlager nach St. Bartholomä, wo abends um 18 Uhr aus dem Touristentrubel schlagartig Stille wurde – übrig blieben nur wir und 3 Berliner, die sich Marcos Wegkenntnissen anschließen wollten, weil er die Ostwand schon einige Male gemacht hatte.
Um 4 Uhr morgens sind wir gemeinsam im Dunkeln gestartet – bis einer der Berliner seinem GPS-Track mehr vertraute als Marcos Ortskenntnis und einen Kurswechsel 150 Meter nach rechts vorschlug. Im Finstern zweifelt man dann eben doch kurz an der eigenen Wegfindung und folgt dem Gerät – geradewegs in extrem unwegsames, wegloses Gelände mit 50 Grad steilen Grashängen, an denen wir uns buchstäblich festgekrallt haben, um nicht rückwärts abzurutschen. Erst kurz vor dem Wandfuß haben wir den eigentlichen, deutlich besseren Weg wieder gesehen, den Marco eingeschlagen hätte. Nach den Wasserfallplatten haben sich die Seilschaften getrennt; als Zweierteam waren wir schneller unterwegs, haben uns noch einmal verstiegen, konnten aber dank Marcos Ideenreichtum sicher zurück auf Kurs finden und standen letztlich um 13 Uhr auf der Watzmann Südspitze.
Statt durchs Wimbachgries entschieden wir uns für die volle Überschreitung – Südspitze, Mittelspitze, Hocheck, Watzmannhaus, Tal – und mussten das Tempo wegen eines plötzlich aufziehenden Gewitters spürbar anziehen. Nach einer Jause am Watzmannhaus ging es zügig im Regen hinab zur Wimbachbrücke. Nach 15 Stunden und 2.250 Höhenmetern waren wir für die Kneipp-Anlage des kurzfristig gebuchten Hotels mehr als dankbar.
Großglockner Stüdlgrat: die schönste Kletterei der Woche
Der Zustieg zur Stüdlhütte am nächsten Tag war für mich nach dem vorherigen langen Tag spürbar zäh, dazu noch ein Regenschauer unterwegs. Doch nach einem ruhigen Nachmittag auf der Stüdlhütte und mit dem Ziel vor Augen sind wir am Freitag wieder um 4:15 Uhr gestartet. Ein spaltenreiches Gletscherfeld im Zustieg und griffiger, blockiger Fels am Grat. Im Vergleich zur restlichen Woche war es fast die leichteste Tour und mit 9 h bis zum Parkplatz auch fast die kürzeste.
Sektionstreff auf der Karlsbader Hütte
Nach dem Abstieg vom Großglockner sind wir direkt weiter nach Lienz zur Dolomitenhütte gefahren, von wo aus wir uns mit den Fahrrädern auf den Weg hinauf zur Karlsbader Hütte machten, wo das alljährliche Sektionstreffen stattfand. Ein wunderbarer Abschluss der Hochtourenwoche – auch wenn sich unsere Motivation für die letzte Tour der Woche, eine Mehrseillänge am Samstag, ehrlich gesagt in Grenzen hielt. Und so ging es nach einer tourenreichen Woche und einem geselligen Wochenende am Sonntagmorgen glücklich, zufrieden und ein wenig stolz zurück nach Hause.








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